So, das sitz ich nun, "72 Stunden Ergometerfahren" in den Beinen und weiß nicht, was ich schreiben soll. Das ist nun schon der zweite Anlauf, einen Bericht über meine bislang größte sportliche Herausforderung zu schreiben. Es gibt einfach zu viel zu sagen, jede Menge zu erzählen und zu verarbeiten! Ich versuche mich mal nur auf die sportlichen Aspekte der „Floss 72h Ergometer Challenge“ zu konzentrieren.
Angefangen hat es eigentlich schon 2008, als nach dem 600km Brevet einfach radfahrtechnisch die Luft raus war und ich mich für das zweite Halbjahr komplett dem Laufen verschrieben hatte. Mit hoher Konzentration und einem äußerst professionellem Training konnte ich beim Laufen ungeahnte Erfolge erreichen. Das will ich 2009 im Radsport auch schaffen. Bei den Randonneuren alljährlich die Brevets bis 1.000km abzuspulen, ist zwar schön und macht Spaß, aber mir fehlt dabei der sportliche Anreiz, der Wettkampf und mittlerweile auch das Außergewöhnliche daran. Eine Teilnahme an der Ultra-Radmarathon-Weltmeisterschaft sollte 2009 deshalb drin sein. Dazu ist es jedoch notwendig, mit genau der gleichen Professionalität ans Training zu gehen, wie 2008 beim Laufen. Und um festzustellen, ob ich, Frank Trtschka, überhaupt das Potential habe, mich auf dem Rad noch zu steigern, musste ein Test her, eine Veranstaltung, die Maßstäbe setzt, die auch international ein Raunen verursacht und die mir die Möglichkeit gibt, selbst zu erkennen und zu zeigen, was im Ultrasportler Trtschka steckt – Die „Floss 72h Ergometer Challenge“ war sportlich geboren. Ich war mir bislang immer sicher, problemlos drei Tage und Nächte durchmachen zu können. Ich kann sowas, habe wohl die Gene dazu. Aber in Kombination mit dem Ergometerfahren, bei dem man permanent treten muss, immer in der gleichen Position verharrt und nur fünf Minuten Pause pro Stunde macht, sollte es ein Höllenritt werden. Schon unmittelbar nach meiner Ankündigung kamen erste laute Zweifel an der physischen und vor allem psychischen Machbarkeit der Aktion auf. Mir wurde geraten, erstmal 24 Stunden zu fahren, und das wäre schon hart genug. Aber: 24 Stunden können viele, 48 Stunden einige mit Biss und Spucke. Nur 72 Stunden klingt unschaffbar, nicht greifbar und ohne Schlaf gänzlich unrealisierbar, besonders, wenn man bedenkt, welche Kilometerleistung das wohl wäre. Ich spürte vom ersten Moment an, dass genau diese Aktion entscheidend für meine weitere Ultraradsportkarriere sein würde. Wie gesagt, wenn ich weitermachen würde, dann nur ein oder zwei Level weiter oben. Die „Floss 72h Ergometer Challenge“ ein idealer Gradmesser. Klar, das Risiko mehr durch die Aktion zu verlieren, als gewinnen zu können, war mir bewusst. Jedoch, besonders wenn man auf Partner und Sponsoren angewiesen ist, braucht man Referenzen. Und wenn ich in Graz zur WM starten will, reichen ein paar Superrandonneure und 1.000er sicher nicht aus, um die Partner zu überzeugen, mich bei der WM zu unterstützen. Da zählen nur beste Leistungen und ein leistungswilliger Charakter.
Ich startete Mitte Januar ein gezieltes Training. Gezielt heißt, sowohl eine physische, als auch psychische / mentale Vorbereitung. Bei über 20.000km Jahresfahrleistung ist eine Grundausdauer drin. Aber Ergometerfahren ist komplett anders: kein Wiegetritt, keine Berge, kein Rhythmuswechsel – einfach durchtreten. Durch verschiedene Tests kam ich auf meinen 4h-Rhythmus. Fünf Stunden durchfahren fühlte sich zu lang an und in den darauffolgenden 25 Minuten Pause konnte ich nicht wieder komplett regenerieren. Also vier Stunden mit 20 Minuten Pause = fünf pro Stunde. Die einzelnen Stunden teilte ich mir auch nochmals ein. So wechselte ich regelmäßig die Pulsintensität bei stetig gleichbleibender Trittfrequenz. Die Frequenz zu wechseln wäre kontraproduktiv gewesen. Diese Erfahrung machte ich bereits beim Laufen. Es sei kurz eingeworfen, dass ich keinen Trainer habe und mir alle sportlichen Dinge, Taktiken und Pläne selbst basteln, umwerfen und neu gestalten muss. Der Schlüssel hieß und heißt Bauchgefühl. Sollte man in nahezu allen Lebenslagen anwenden! Ich trainierte mir also den 4h-Rhythmus an und schaute, wie ich nach 20 Minuten Pause drauf war. Genau eine Woche vor dem Start spürte ich nach dem Training, dass ich’s geschafft hatte. Es war intus. Ich kann das ganz schlecht beschreiben. Aber ich sagte zu meiner Frau, dass ich’s geschafft hatte und ich mir sicher war, genau so am Ende durchzukommen. Bauchgefühl eben.
Mit viel Medienpräsenz und einiger großer Marketingaktionen im Vorfeld ging ich pünktlich am 04.03.2009 um 16:00 Uhr an den Start. Komischer Weise komplett druckfrei. Eigentlich bin ich bei sowas aufgeregt und innerlich unruhig. Aber diesmal war ich komplett gelassen. Ich wusste, bestmöglichst vorbereitet an den Start zu gehen. Ich wusste bzw. fühlte, dass meine Taktik funktionieren würde und ich fühlte mich sicher, da ich einen genialen und immensen Betreuerstab hinter mir hatte. Und all die Leute, deren Namen im Vorfeld mit der „Floss 72h Ergometer Challenge“ in Verbindung gebrachte wurde, konnte ich einfach nicht enttäuschen. Diese Challenge war jetzt meine (einzige / einmalige) Chance, ggf. ganz groß zu werden. Und DIE Butter bleibt auf meinem Brot! Die erste Nacht, verlief, wie geplant relativ ruhig. Ich spürte sie gar nicht. Das war tatsächlich so, da ich in meinem Rhythmus fuhr und die Tageszeit bzw. die Uhrzeit völlig irrelevant gewesen ist. Vier Stunden fahren, schnell runter, Toilette, Waschen, Kleidung wechseln, frisch machen und den Rest der Zeit Physiotherapie. Weiterfahren. Da ist es egal, ob es morgens 3 oder abends 7 ist. Rhythmus abspulen. Außerdem war die Betreuung spitzenmäßig! Mein Physiotherapeut heißt Jörg Voigtmann, betreut Hanka Kupfernagel und weitere Spitzensportler. Ein wahnsinnig guter Zugewinn für mich. Wenn Jörg selbst nicht am Stand war, waren mindestens 2 andere Therapeuten der Medfachschule aus Bad Elster vorort, um mich oder meine Mitfahrer zu betreuen. Dass ich bislang ohne Physio auskam wundert mich langsam selbst. Jörg drückte an verschiedenen Punkten kurz und schon steigerte sich die Leistung am Ergometer bei gleichbleibendem Puls um bis zu 50Watt! Wahnsinn. Die Jungs legten blankes Eis auf meinen Körper (Für mich fühlte sich das lediglich an, wie ein kühler nasser Lappen.) und ratz fatz ging die Leistung nach oben! Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die ganze Aktion ohne Physio nach 24 Stunden zu Ende gewesen wäre. Im Grunde genommen haben mich die Therapeuten nach vier Stunden Fahrt innerhalb von 10 Minuten für weitere vier Stunden fit gemacht. Ich brauchte eigentlich nur treten und sitzen. Apropos sitzen, ich hatte zwar mit Problemen am Sitzfleisch gerechnet, aber nicht so früh im „Rennen“ und bei weitem nicht so stark. Meine gesamte Sitzcreme (ca. 10 Tuben) war recht schnell aufgebraucht. Und das Zeug riecht so penetrant! Es wurde heikel und wir experimentierfreudig: Zum einen drehten wir meinen Sattel um 180°, was zwar lustig aussah, aber nichts brachte. Dann beschafften wir einen neuen, breiteren Sattel, was in dieser Form auch nichts brachte. Bitte nicht vergessen, während all der Experimente fuhr ich stets weiter. Meine „Crew“ schraubte und versuchte alles. Bis Jörg auf die Idee kam, ein Fangokissen unterzulegen, was schlussendlich bis zum Ende der gesamten Aktion auch unter meinem Hintern bleiben sollte.
Poprobleme! - Krisengespräch
... trotzdem Daumen hoch!
Zwischendurch griffen wir aber auch noch auf den alten Cowboy- bzw. Tour de France-Tipp zurück und legten zwischen Hintern und die erste der beiden Radhosen, die ich mittlerweile trug, zwei rohe Rindsrouladen. Klingt ekelig, hilft aber ungemein und beschleunigt, nachgewiesener Maßen, auch noch die Wundheilung! Aber als die Teile mit einem leicht süßlichen Geruch danach riefen, gewechselt zu werden, machte mein Hals zu und wurde nur spontan von einem anhaltenden Würgereiz geöffnet. Mir war drei Stunden lang kotzübel bis die Teile wieder raus waren. Hier war Stunde 36 von 72 erreicht. Bergfest, ab jetzt geht’s abwärts! Stimmt. Es ging abwärts. Ich hatte ziemlichen Bammel vor der zweiten Nacht. Aber da ich weiter meinen Rhythmus fuhr, spürte ich auch diese kaum. Klar, es war mitunter schon hart, sich zu zwingen. Aber die Tatsache, dass immer Mitfahrer dabei waren und ich die Crew bei mir hatte, half ungemein. Und plötzlich waren auch 48 Stunden vorbei. Viele Besucher meinten, wenn ich jetzt aussteigen würde, hätte ich schon eine tolle Leistung vollbracht. Ich sah das anders und genau das trieb mich immer wieder voran. Ich freute mich auf die Physiobehandlung und ich freute mich noch immer aufs Ergofahren. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich innerlich das Bedürfnis aufzuhören, nicht mehr weiterzumachen. Das ist keine Phrase, sonders verwundert mich selbst auch. Zum richtigen mentalen Kampf wurde die ganze Aktion in der dritten Nacht ab ca. 2:00 Uhr. Ich wusste, dass ein Kumpel, "Der Transpirator", auf 3:00 Uhr mitfahren wollte und freute mich sehr darauf. Das wiederum führte dazu, dass ich begann, mich an der Uhrzeit zu orientieren. Der totale Fehler. Ich kam mental komplett aus dem Rhythmus und verlor den Bezug zu meinem 4h-Plan. Alles lief, wie versteinert. Sekunden können bei sowas verdammt lang werden. Ich versuchte irgendwie in den Rhythmus zurück zu kommen, was mir nur schwerlich gelang. Es war tatsächlich eine harte Quälerei, die schlussendlich um 8:40 Uhr am dritten Tag in einem Totalausfall gipfelte. Ich kam vom Waschen und legte mich auf die Physioliege. Schon vorher hatte ich arge Probleme, mich richtig an irgendetwas zu erinnern. Vorteil von total übernächtigten Augen übrigens ist, Außenstehende erkennen nicht, wenn man geheult hat. Ich wusste nicht mehr, warum ich im Plauen Park bin, wie lang ich dort sitze und was das alles soll. Ich sagte noch weinend: „Jörg, ... ich kann mich an nichts mehr erinnern!?“ Dann reißt/riss der Erinnerungsfaden. Mein Körper zog einfach selbst den Stecker. Besucher und die Crew berichteten mir, dass plötzlich mein ganzer Körper zu zittern begann und ich richtig weg war. Jörg Voigtmann holte mich zurück, wie auch immer, ich weiß es nicht. Er hatte in kürzester Zeit die schwere Entscheidung zu tragen, Abbruch oder Weiterfahren. Abbruch?! Ich sprang von der Liege auf, Jörg ließ mich gewähren, ich schaute auf den Monitor, alles im Grünen, Pause nicht überzogen, trat los und erholte mich auf wundersame Weise beim Fahren. Mein Körper wurde nun mit Mineralwasser und Hühnerbrühe innerlich gespült. Mir ging es wieder besser. Ich fühlte mich zunehmend stärker. Die dritte, die letzte Nacht war geschafft. Bald würde meine Frau kommen, bald würden die ersten Medienvertreter kommen, ich war durch. Und 16:00 Uhr am Samstag, 07.03.2009, war es dann soweit, der Countdown wurde heruntergezählt. 3...2...1...0! Fertig! Ich hatte es geschafft. Wissend, dass 99% aller, die von der Aktion im Vorfeld hörten, an deren Machbarkeit zweifelten, im Stillen mit Sicherheit, fühlte es sich so richtig geil an. Das hatte noch keiner geschafft! Drei Tage auf dem Ergometer ohne eine Minute Schlaf und mit nur fünf Minuten Pause pro Stunde! Meine Taktik war aufgegangen, mein Training, die endlosen Entbehrungen, die vielen Stunden hatten sich bezahlt gemacht und mein antrainierter Rhythmus als Schlüssel zum Erfolg offenbart! Was für ein grandioser Triumpf! Dass ich damit sportlich auch international ein Highlight gesetzt habe, kann ich zwar immer noch nicht glauben, wurde mir aber ziemlich oft bestätigt. Ich brauch einfach noch ein paar Tage, um alles zu fassen, zu verarbeiten und in den Kopf zu bekommen. Fakt ist aber, dass ich weltweit wohl der einzige Athlet bin, der erfolgreich drei Ultrasportarten ausübt und dabei auch noch jeweils auf recht außergewöhnliche Erfolge zurückblicken kann: beim Ultratrekking: 202km in 48h nonstop zu Fuß; beim Ultrarunning: 3 Marathons in drei Wochen, davon zweimal U3 und nun im Ultracycling: 72h am Stück und ohne Schlaf Ergometerfahren! Und ja, ich bin wahnsinnig stolz darauf! Unterm Strich habe ich in den 72 Stunden gute 2.500 Kilometer zurückgelegt und wir alle (124 Mitfahrer!) den Plauener Tafeln e.V. 259 Kilogramm Fleisch- bzw. Wurstwaren beschert (Heiko Floss rechnete 100kcal entsprechen 400gr Wurst), also auch rundum und für jeden Beteiligten ein tolles Ergebnis dieser "Floss 72h Ergometer Challenge".
Zeugen meines bislang größten sportlichen Erfolges: Physiotherapeut Jörg Voigtmann (links), Centermanager Dirk Brückner (hinten), Fleischermeister Heiko Floss und mein Sohn Jacob (rechts)
Abschließend möchte ich aber noch sagen, dass ich mir sicher bin, ohne die Unterstützung aller, die dabei waren, niemals bis zum Ende hätte durchhalten können. Egal, ob Mitfahrer oder zunickender Besucher, alle sind an diesem einmaligen Erfolg beteiligt. Im Besonderen jedoch möchte ich Jörg Voigtmann danken. Ohne ihn und ohne sein Team von Schülern, das mich wirklich professionell versorgt bzw. behandelt hat, wäre nach spätestens 24 Stunden "Schicht im Schacht" gewesen. Mir bleibt einfach nur ein Danke! Ein großes „Sorry!“ geht auch an den „Transpirator“ und den „Miniator“. Tut mir leid, dass ihr gerade zwischen 3:00 Uhr und 6:00 Uhr am letzten Tag die härteste Phase der gesamten Aktion miterleben musstet und ich während dessen wirklich wenig gesprächig war. Auf der anderen Seite bin ich jedoch froh, dass genau ihr beiden zu dieser Zeit mit bei mir wart – großes Danke!
Ja, ... was soll ich jetzt noch sagen? … vielleicht die „….(?) 48h Laufband Challenge“ ankündigen? ...
"Leider habe ich hier aus Österreich nicht vorbeikommen können, aber ich hab oft an Frank gedacht und mich gefragt wie es ihm wohl geht... Unglaublich starke und geniale Leistung!
Diese Aktion auf die Beine zu stellen, und sich einer solchen Herausforderung zu stellen ist schon großartig, es dann aber auch noch durchzuziehen ist wirklich meisterlich!
tiefster Respekt...
Frank du bist ein Traum, alles Gute und herzliche Gratulation!
Liebe Grüße aus Österreich, Christoph"
Christoph Strasser / Ultra-Radmarathon-Weltmeister 2007, -Vize-Europameister 2008 - www.christophstrasser.at
"FRANK!!!! Ich verneige mich...
Wahnsinn! Jetzt weiss ich gar nicht mehr, ob ich mich freuen soll, dass ich dich wahrscheinlich am Schweizer Radmarathon treffe."
Thomas Ratschob / 2007 Streckenrekordhalter Schweizer Radmarathon über 720km nonstop, 2006 2. Platz LeTourUltime (Tour de France nonstop!) - www.ratschob.li
"Moin Frank,
auch von mir herzliche Glückwünsche und größtmöglichen Respekt für den 72h Ritt.
Habe mit großem Vergnügen Deinen Bericht gelesen. Dabei, und auch in der Erinnerung an vergangene Veranstaltungen fällt mir auf wie groß Deine mentale Stärke ist. Außerdem hast Du das Talent mit wenig Schlaf auszukommen. Von den körperlichen Vorraussetzungen mal ganz zu schweigen. Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der WM in Graz, damit Du noch erfolgreicher Sponsoren finden kannst und die LTU oder das RAAM fährst. Da gehörst Du meiner Meinung nach hin!